Kunst im öffentlichen Raum - Art in Public Space       
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Prof. Marcel Meili

ETH Zürich/Basel

"
Unräume und Hyperskulpturen: Schweigen"

 


Zwölf Bemerkungen, eher zum öffentlichen Raum als zur Kunst


1 "Kunst"... "im"... "öffentlichen"... "Raum"
2 Re-Präsentation
3 Beethoven in der Badeanstalt
4 Surface, Occupation
5 Isotopie
6 Tattoo im Asphalt

7 Demarkationslinien
8 "Lippenstift für den Gorilla"
9 Master and Servant
10 Hyperskulpturen und Nicht-Räume
11 Nikis Michelin-Männchen
12 So what....? 



Vorbemerkung

Ich spreche hier nicht als Kunstexperte. Ich spreche als Architekt. Das heißt nicht, dass ich mich für Kunst nicht interessieren würde. Aber die letzten vielleicht zwanzig Jahre haben die Architekten und die Künstler in ein brisantes Konkubinat geführt, welches die Emotionen in der gegenseitigen Beziehung deutlich aufgeheizt hat, das Misstrauen ebenso wie Euphorie. Nach der ahnungsvollen Wiederbeatmung des "Gesamtkunstwerkes 1983" durch Harald Szeemann begannen die Disziplinenübergriffe und "Crossover" zu wuchern, unentwirrbar zwischen Neugier, Schamlosigkeit und Abenteuer. Im Hintergrund schien aber ein heimlicher Konsens darüber zu bestehen, dass dieses grosse Fusionsprojekt gleichzeitig unausweichlich und viel versprechend sei.

"Kunst am Bau" und "Kunst im öffentlichen Raum", diese ebenso unscharfen wie biederen Konstruktionen aus dem Wortschatz  von Verwaltungsreglementen, sind natürlich älter als diese jüngsten Bewegungen. Von der Sache her geben sie aber eine besonders günstige Plattform ab, um die Tragfähigkeit des Konvergenz- und Konfliktpotentials zwischen den Disziplinen zu erörtern.

Mich selbst haben diese Perspektiven von Synthese nie fasziniert. In Abwandlung eines wunderbaren Brecht-Diktums hatte ich immer das Gefühl, dass zuviel Kunst in der Architektur sowohl der Kunst wie

 


der Architektur schadet... Sehr oft scheinen mir Überkreuzungsprojekte ein nicht zu Ende gedachtes, naives Versprechen zu sein.

Ideengeschichtlich steht dieser Hype der Fusionen nicht isoliert da. In einer schrumpfenden Welt werden die Dinge immer gnadeloser ineinander geschoben und gedrückt. Es haben die Denkfiguren Konjunktur, welche sich diese Gewalt als Synthese positiv vorstellen möchten. Das ist verständlich, aber keineswegs selbstverständlich. Eine dieser weltweiten "Knautschzonen der divergierenden Interessen" ist der sogenannte "Öffentliche Raum", wo sich funktionale, ökologische, wirtschaftliche und ästhetische Bedürfnisse immer schärfer konkurrenzieren. Es laufen in diesem Raum derart viele und widersprüchliche Energien zusammen, dass man sie zwangsläufig durch Überlagerung befriedet denken möchte.

Lassen sich mich heute für einen Augenblick all diesen Versprechen und Programmen misstrauen, die alles mit allem verknüpfen - auch was die Kunst und die Stadt betrifft. Oder, um es kurz und polemisch zu sagen: In einer Gegenwart, wo das vernetzte Denken, das integrierte Handeln, der Disziplinenübergriff unterschwellig eine Art mondiale Seeligkeit bei der Auflösung des globalen Rätsels versprechen, drehen wir uns einen Moment um. Ich halte das Unterbrechen von selbstläuferischen Denk- und Handlungsgeflechten, das Bezweifeln von unterstellen Zusammenhängen zumindest für ebenso produktiv wie das dauernde Übersetzen von allem in alles andere. Trennen, Teilen, Isolieren, das können durchaus subversive Operationen sein. Wer sagt denn, dass es im globalen Schmelztiegel keine diskreten Einheiten mehr gibt? Laurence Weiner hat diesen Verdacht in einen unübertrefflichen Satz im Duchamp-Tonfall gefasst: "Alles hängt zusammen, nichts passt zusammen"...

Deshalb befasse ich mich in der Folge eher mit dem Hintergrund der öffentlichen Kunst als mit dieser selbst. Dazu also zwölf mässig zusammenhängende Bemerkungen...



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